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Arthur Edward Waite (1857 - 1942)
Wäre da nicht dieses fast schon legendäre Tarotdeck, so würde sich heutzutage wohl
kaum noch jemand an A.E. Waite erinnern. Dabei galt er zu Lebzeiten als ein Experte
der Mystik und des Okkultismus und war einer der bekanntesten Autoren seiner Zeit auf diesem
Gebiet. Unter den vielen von Waite publizierten Arbeiten war das nach ihm selbst und
seinem Verleger Rider benannte Tarot nur ein Werk von vielen. Doch es sollten gerade
diese Tarotkarten sein, die ihn bis heute unvergessen gemacht und dafür gesorgt haben,
dass sein Name, genau wie der seines ehemaligen Ordensbruders Aleister Crowley, für
immer mit dem Tarot verbunden bleiben wird.
Arthur Edward Waite wurde laut eigener Aussage am 02. Oktober 1857 um 13:00 Uhr
Ortszeit in New York geboren. Doch hier gibt es eine kleine Unklarheit,
denn laut seinem Biografen R.A. Gilbert existiert ein Schriftstück, demzufolge
bereits Ende September 1857 ein Geburtshelfer zur Wohnung der Familie Waite
gerufen wurde, um dem kleinen Arthur ans Licht der Welt zu helfen. Dieses
Schriftstück ist außerdem beeidigt. Waite selbst, der von diesem Dokument wusste,
bestand jedoch immer darauf, dass er am 02. Oktober geboren wurde, was man ihm auch
glauben sollte. Schließlich kann er mit einigem Recht für sich in Anspruch nehmen, das
Ereignis persönlich miterlebt zu haben.
Bleibt die Frage, warum ein einfaches Schriftstück, aus dem lediglich
hervorgeht, dass ein Geburtshelfer zu einer bestimmten Geburt geholt
wurde, überhaupt beeidigt werden musste? Waite selbst gibt hierzu an, dass die
Beeidigung von seinem Großvater väterlicherseits veranlasst wurde, damit
es einen schriftlichen Nachweis über die Geburt und rechtmäßige Herkunft des
kleinen Arthur Edward gäbe. Das erscheint etwas seltsam denn schließlich
lässt sich wohl kaum bezweifeln, dass A.E. Waite tatsächlich geboren wurde.
Wozu wäre dann ein simples Schriftstück als Beweis nötig? Der Grund hierfür
dürfte in der Beziehung seiner Eltern liegen, denn es gilt keinesfalls als
gesichert, dass diese tatsächlich miteinander verheiratet waren. Sollten
sie es nicht gewesen sein, so hätten sie in wilder Ehe miteinander gelebt,
was in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein absoluter Skandal gewesen wäre
und die Familie zu gesellschaftlichen Outcasts gemacht hätte. Die Zweifel
an der rechtmäßigen Eheschließung seiner Eltern und die Folgen, die sich daraus
ergaben, sollten denn auch einen entscheidenden Einfluss auf Waites
Leben haben.
Waites Vater war der Amerikaner Captain Charles F. Waite, der aus einer
wohlhabenden Familie der amerikanischen Upper Class stammte. Waites Mutter
war die Engländerin Emma Lovell, die aus einer ebenfalls sehr wohlhabenden
Londoner Kaufmannsfamilie stammte. Beide begegneten sich zum ersten Mal
auf einem Schiff, als Emma auf der Heimreise von Kanada nach England war.
Sie verliebten sich ineinander und zogen schließlich zusammen nach New York.
Doch weder die Familie Waite, noch die Familie Lovell schien mit dieser
Beziehung einverstanden gewesen zu sein, weshalb Charles und Emma wohl
von beiden Familien mehr oder weniger isoliert lebten. Tragischerweise
verstarb Captain Waite bereits ein Jahr nach Arthur Edwards Geburt. Seine
Mutter war zu diesem Zeitpunkt wieder schwanger. Emma stand nun allein
mit einem Baby und einem Säugling da. Da sie von Seiten der Familie
ihres Mannes nur wenig oder gar keine Unterstützung bekam, entschloss
sie sich, nach England zurückzukehren. Doch auch hier ging es ihr nicht
besser, denn auch ihre eigene Familie verweigerte ihr die Unterstützung
und grenzte sie und ihre Kinder weitgehend aus dem Familienleben aus.
Die Folge davon war, dass der kleine Arthur Edward und seine Schwester
in relativer Armut aufwuchsen und obendrein so etwas wie eine familiäre
Identität kaum kannten. Arthur Edward entwickelte sich denn auch zu einem
introvertierten, schüchternen Kind, das sich selbst nicht viel zutraute
und unter seiner vermeintlichen Unzulänglichkeit litt. Doch Armut und
fehlende familiäre Verwurzelung waren nicht das Einzige, was die
Kindheit und das spätere Leben des Arthur Edward Waite prägten.
Waites Mutter suchte Trost in der Religion und fand diesen ausgerechnet
in der katholischen Kirche. Der Katholizismus wurde im anglikanischen England des
19. Jahrhunderts bestenfalls geduldet und Katholiken sahen sich einigen
Diskriminierungen ausgesetzt. Der Eintritt Emma Waites und ihrer Kinder
in die katholische Kirche stellte daher für Emmas Familie eine zuzsätzliche
Provokation dar wodurch Emma und ihre Kinder eine weitere Ausgrenzung
erfuhren. Es verwundert daher kaum, dass Arthur Edward sich ebenfalls
der katholischen Kirche zuwandte und schließlich zu einem glühenden Katholiken
wurde. Auch wenn er später den Katholizismus wesentlich distanzierter betrachten
sollte, waren es doch die katholischen Riten und Zeremonien, die ihn zeitlebends
faszinierten. So war es denn auch nicht zuletzt die rituelle Ordensarbeit, die ihn
in den Golden Dawn und zu den Freimaurern hinzog und es war gewiss kein Zufall,
dass er seinen eigenen Orden "Order of Independent and Rectified Rite" nannte.
Im September 1874 ereilte die Familie Waite ein weiterer Schicksalsschlag. Arthur Edwards
jüngere Schwester Frederica starb an Entkräftung nach Scharlachfieber. Weder Arthurs
Mutter, noch er selbst haben diesen Verlust je richtig überwunden. Anstatt sich nun
aber noch enger zusammenzuschließen, scheinen sich die beiden stattdessen immer mehr
entfremdet zu haben.
Auch Arthur Edward selbst war häufig krank. Er hätte gerne studiert, doch es war nicht
genug Geld da, um ein Studium zu bezahlen. 1875 schien sich sein Traum dennoch zu erfüllen,
als sich für den begabten jungen Mann ein Förderer fand. Doch dann wurde Arthur Edward
wieder einmal krank und der Traum vom Studium zerschlug sich. Stattdessen arbeitete Waite
im Büro eines Anwaltes, eine Tätigkeit, die ihn weder befriedigt, noch gefordert haben
dürfte. In seiner Freizeit schrieb er leidenschaftlich gerne Gedichte und versuchte sich
an Geschichten für sogenannte Groschenromane, hatte mit beidem aber bestenfalls
mittelmäßigen Erfolg. Nichtsdestotrotz schaffte es Waite mit der Zeit, seinen
Lebensunterhalt durch Schreiben zu bestreiten. Zwischenzeitlich versuchte er sich auch
als Journalist und als Verleger und brachte sogar sein eigenes Magazin, The Unknown World,
heraus. Er schien mit der Zeit einen gesunden Ehrgeiz entwickelt zu haben und ließ sich
durch Rückschläge und Misserfolge nicht so leicht aus der Bahn werfen. Als einer seiner
Verleger in Konkurs ging und Waite ohne Verleger da stand, versuchte er sich als Werbetexter
für Horlicks Malzmilch. Seine Werbetexte waren so erfolgreich, dass ihm der Managerposten
für das Londoner Büro von Horlick angeboten wurde, welches er zehn Jahre lang erfolgreich
leitete.
1878 kam Waite zum ersten Mal mit dem Spiritismus in Berührung. Auf einer seiner langen
Spaziergänge durch London entdeckte er im Schaufenster einer Metzgerei eine spiritistische
Zeitschrift, kaufte diese und kam dabei mit dem Metzger ins Gespräch, der selbst Spiritist
war. Bald darauf nahm auch Waite an spiritistischen Sitzungen teil und las alles über dieses
Thema, was er bekommen konnte, stand der Sache aber auch kritisch gegenüber und versuchte
mögliche Betrüger zu entlarven. Im Jahre 1885 lernte Waite den Spiritisten Granville Stuart
Menteath kennen, in dessen Verlobte Dora er sich verliebte. Dora zog jedoch den wohlhabenden
Menteath vor. Waite wandte sich später Doras Schwester Ada zu, scheint sich auch in diese
verliebt zu haben und heiratete sie am 07. Januar 1888. Bereits am 22. Oktober 1888 wurde
die gemeinsame Tochter Sybil geboren.
Mittlerweile hatte Waite begonnen, sich vom Spiritisten zum Mystiker und Okkultisten zu
wandeln, wobei der Mystiker immer überwog. Er begann, sich ernsthaft mit der Materie
auseinanderzusetzen und veröffentlichte im Laufe der Zeit zahlreiche Bücher zu okkulten
Themen, wie zum Beispiel "The Occult Sciences" (1891), "Devil-Worship in France" (1896)
oder "The Book of Black Magic" (1898). Schon im Jahre 1889 erschien auch sein erstes Buch
über das Kartenlegen "Handbook of Cartomancy".
Ein Jahr vor seiner Hochzeit, im Januar 1887 lernte Waite durch Vermittlung einer
Freundin den Schriftsteller Arthur Machen kennen. Machen verfasste fantastische
Erzählungen und inspirierte u.a. H.P. Lovecraft und Daphne du Maurier, deren
Erzählung "Die Vögel" wahrscheinlich von Machens "The Terror: A Fantasy" beeinflusst wurde.
Berühmt wurde "Die Vögel" später durch die gleichnamige Verfilmung von Alfred Hitchcock.
Machens bekanntestes Werk war "The Great God Pan" Arthur Machen und Waite wurden enge
Freunde und blieben es zeitlebens. 1899 führte Waite ihn in den Golden Dawn ein.
Ende der 80iger Jahre des 19. Jahrhunderts machte in der Londoner "Szene"
ein Gerücht über einen neuen okkulten Orden die Runde, welcher hohe
Anforderungen an seine Mitglieder stellen sollte. Waite, der sich
inzwischen sehr für die Freimaurerei und das Rosenkreuzertum interessierte,
wollte gerne in diesen Orden aufgenommen werden und bemühte sich um
Kontakt. Das war für ihn nicht allzu schwierig, denn zu dieser Zeit hatte
er sich bereits einen gewissen Namen gemacht. Eines des Gründungsmitglieder
dieses Ordens kannte er bereits. Er war Samuel McGregor Mathers im Britischen
Museum begegnet, in dessen Bibliothek beide ihren mystischen und okkulten
Studien nachgingen. Auch mit dem eigentlichen Gründer und Initiator dieses
Ordens, Dr. William Wynn Westcott, war Waite schon früher in Kontakt gekommen,
als Westcott in Waite einen möglichen Kandidaten für die S.R.I.A. (Societas
Rosicruciana in Anglia), einem bis heute aktiven Rosenkreuzerorden sah. Waites
erste Bewerbung um Aufnahme in den Golden Dawn wurde jedoch abgelehnt, allerdings mit
der Aufforderung, die Bewerbung nach einiger Zeit noch einmal zu wiederholen.
Das tat Waite auch und wurde schließlich im Januar 1891 als 99. Mitglied
in den Orden aufgenommen. Im Dezember desselben Jahres trat auch
seine Frau Ada dem Golden Dawn bei. Im April 1892 hatte Waite den
Grad 4=7 Philosophus erreicht und wäre als nächstes in den Zweiten
Orden aufgenommen worden. Doch 1893 trat er aus dem Golden Dawn wieder aus.
Die genauen Gründe hierfür sind allerdings nicht bekannt und auch
Waite selbst hat sich dazu nur vage geäußert. In der Ordensrolle
erscheint einmal neben seinem Eintrag die Bemerkung "Armenregelung?".
Es wäre also möglich, dass er ganz einfach zeitweise nicht genug
Geld für den Mitgliedsbeitrag hatte.
Waite blieb mit einigen Ordensmitgliedern befreundet und Anfang 1896
bewarb er sich um die Wiederaufnahme in den Orden. Auch über die Gründe
für diesen Wiedereintritt äußert sich Waite nur vage. Am 03. März 1899
wird er in den Grad des Adeptus Minor erhoben und steigt als 116. Mitglied
in den Zweiten Orden auf. Im Jahre 1900 eskalierten die Probleme, die
sich aus Samuel Mcgregor Mathers herrischem und selbstherrlichen Verhalten
ergaben und Mathers, der inzwischen alleiniger Ordensführer war, wurde
aus seinem eigenen Orden geworfen. Dasselbe Schicksal ereilte Aleister Crowley,
nach seinem skandalösen Auftritt in der Blythe Road. Der Rausschmiss der
beiden schillernsten und skandalträchtigsten Mitglieder löste die
Probleme des Ordens jedoch nicht. In den nächsten zwei Jahren hielt
Waite sich weitgehend aus den sich zuspitzenden Führungsstreitigkeiten heraus,
wohl nicht zuletzt, weil sein Interesse am Golden Dawn mehr und mehr nachließ.
Es war die Zeit, in der er sich entschloss, endlich den Freimaurern beizutreten.
Doch 1903 scheint sein Interesse am Golden Dawn wieder zugenommen zu haben.
Schließlich muss ihm dann auch zum ersten Mal der Gedanke gekommen sein, die
Ordensführung selbst zu übernehmen. Wohl zu seinem eigenen Erstaunen fand er sich
dabei von einigen der bedeutensten Mitgliedern unterstützt.
Das Jahr 1903 gilt als das offizielle Ende des ursprünglichen Golden Dawn.
Drei Nachfolgeorden gingen aus ihm hervor: der von dem geschassten
Ordensführer gegründete Orden Alpha et Omega und der von den führenden
Ordensmitgliedern Felkin und Brodie-Innes gegründete Orden Stella Matutina.
Allerdings folgten nicht alle Golden-Dawn-Mitglieder Felkin und Brodie-Innes.
Viele Mitglieder folgten A.E. Waite, der den Order of Independent and
Rectified Rite of the Golden Dawn gründete. Unter den Mitgliedern die Waite folgten,
befand sich auch eine gewisse Pamela Colman-Smith. Einige Jahre arbeiteten
Stella Matutina und Waites Orden noch mehr oder weniger zusammen, gingen
dann aber, nach Intrigen von Seiten Brodie-Innes gegen Waite, getrennte Wege.
Das Tarot spielte im Golden Dawn eine bedeutende Rolle. Waite war jedoch
mit den Tarotlehren des Golden Dawn nie völlig einverstanden. Seiner Meinung nach
verfügte der Golden Dawn über "keinerlei tiefe Einsicht über das Erbe der Tarotkarten".
In Pamela Colman-Smith, die sich seinem Order of Independent and Rectified Rite
angeschlossen hatte, erkannte er eine "äußerst phantasievolle und abnormal medial
begabte Künstlerin", die "bei richtiger Anleitung einen Tarot hervorbringen könnte,
der die künstlerische Welt anspricht und auf die Bedeutung hinter den Symbolen
hinweist, wodurch sie eine andere Anordnung erhielten, wie sie sich alle
jene nicht einmal im Traum gedacht hätten, die sie viele Generationen
lang zu lediglich hellseherischen Zwecken hergestellt und verwendet haben".
Da es "keinen allgemeinverbindlichen Kanon für die Interpretation der Tarotkarten gibt",
fühlte Waite sich nicht nur berechtigt, sondern empfand es wohl auch als Notwendigkeit,
die Darstellungen auf den Karten nach seinen Überzeugungen zu ändern. Für ihn waren
das Tarot und seine Symbole "Tore zu visionären Welten weit über okkulte Träume hinaus".
In Waites Aussagen zeigt sich auch indirekt der eigentliche Unterschied zwischen dem Rider
Waite Tarot und dem Crowley Tarot: ersteres ist ein mystisches Tarot, letzteres ist okkult.
Insgesamt gesehen hören sich Waites Kommentare zu seiner Zusammenarbeit mit Pamela
Colman-Smith so an, als ob diese zwar außerordentlich medial begabt, ansonsten aber ein
kleines Dummchen wäre, dass kaum etwas von der tiefergehenden Bedeutung der Symbolik
verstanden hatte. Er erweckt auch den Anschein, als wären alle Kartendarstellungen
ausschließlich nach seinen Anweisungen gemalt, doch wir wissen heute, dass die
Darstellungen auf den Zahlenkarten der Kleinen Arkana zumindest teilweise auf der
Vorlage des Sola Busca Tarots aus dem 15. Jahrhundert beruhen.
Waite und die Mitglieder seines Independent and Rectified Rite betrachteten sich,
genau wie die Mitglieder der Stella Matutina, sozusagen als rechtmäßige Erben des
Golden Dawn. Für die Mitglieder von Waites Orden galten daher die legendären Cypher
Manuscripts, auf deren Grundlage der Golden Dawn gegründet worden war, nach wie vor als
Ordenslegitimation. Als nun Waite die Echtheit dieser Dokumente mehr und mehr offen
bezweifelte, rebellierten die Ordensmitglieder. Hinzu kam, dass Waite immer mehr dazu
übergegangen war, Magie durch Mystik zu ersetzen, was vielen alten Mitgliedern des
magisch-orientierten Golden Dawn überhaupt nicht gefiel. Als die Meinungsverschiedenheiten
nicht mehr zu überbrücken waren, löste Waite im Jahre 1914 seine Independent and
Rectified Rite auf. Das Thema Golden Dawn war damit für ihn zu Ende. Heute wissen wir
übrigens, dass die Cypher Manuscripts in der Tat eine Fälschung waren.
Ungefähr zwei Jahre bevor Waite mit seinem Rectified Rite eigene Wege ging, war er
den Freimaurern beigetreten und im Laufe der Zeit Mitglied in mehreren Logen und
Riten geworden. Damit war er seiner eigentlichen Neigung gefolgt. Waite war immer weitaus
mehr ein Mystiker, denn ein Magier gewesen, mehr Freimaurer und Rosenkreuzer,
denn Okkultist. Inzwischen war er bei den Freimaurern in den Rang eines Meisters
aufgestiegen und so gründete er nun nach dem Ende des Rectified Rite im Jahre 1915
den Tempel Salvator Mundi der Fellowship of the Rosy Cross. Dabei handelte es sich um einen
unabhängigen, freimaurerisch-rosenkreuzerischen Orden, der von christlichem Mystizismus
geprägt war. Waite wurde alleiniges Oberhaupt. Einige seiner früheren Ordensbrüder des
Rectified Rite folgten ihm in seinen Orden, der mit der Zeit noch weiter wuchs und bis
zu Waites Tod Bestand hatte.
Seine freimaurerische und rosenkreuzerische Arbeit brachte Waite mit
vielen Größen der Freimaurerei, der Rosenkreuzer und des Okkultismus
in Kontakt, darunter auch Rudolf Steiner, mit dem er 1912 bei Steiners
Londonbesuch mit Hilfe eines Dolmetschers eine längere Unterredung hatte.
Schon relativ früh hatte Waite zudem begonnen sich für den Martinismus zu
interessieren. Dabei handelt es sich um eine mystisch-theosophische
Richtung der Freimaurerei, benannt nach dem französischen Freimaurer
Louis Claude de Saint-Martin (1743 - 1803). Der Martinistenorden war
1884 von Dr. Gerard Encausse, besser bekannt als Papus, gegründet worden.
Waite sandte ein Exemplar seines Buches Louis Claude de Saint-Martin
an Papus, der davon so beeindruckt war, dass er Waite, der zu dem
Zeitpunkt noch kein Freimaurer war, den Titel eines Docteur en Hermétisme
an seiner Ecole supérieure libre de Sciences Hermétiques verlieh.
Als Waite aber dann später, als Freimaurer, von dem schlechten Ruf erfuhr,
der Papus in orthodoxen freimaurerischen Kreisen anhing, stellte er den
Kontakt zu ihm ein.
Waite hatte fast sein ganzes Leben in London verbracht. Seine Arbeit und
seine zahlreichen Bücher machten ihn zwar nicht zu einem reichen Mann,
verschafften ihm jedoch ein relativ gutes Einkommen, so dass er sich
Eastlake Lodge, ein Haus in London leisten konnte.
1899 verkaufte Waite Eastlake Lodge
und erwarb dafür Sidmouth Lodge in der South Ealing Road im Westen von London,
wo er mit seiner Familie fast 20 Jahre lang wohnte. Als Sidmouth Lodge
aufgrund stark gestiegener Lebenserhaltungskosten dann finanziell nicht
mehr zu halten war, zog die Familie fürs erste nach Ramsgate, einem Badeort
an der Küste von Kent, wo Waite bereits einige Jahre zuvor ein Cottage erworben
hatte. Zwar fühlten Waite und Ada sich dort sehr wohl, doch der Umzug in das
kleinere Cottage machte es erforderlich, dass Waite seine riesige Bibliothek
mit ca. 1500 Büchern verkaufen musste, was ihm sehr schwer fiel. Fast genauso
schwer fiel es ihm, seinen Garten aufzugeben. Er liebte die Gartenarbeit und
die Tiere, die dort lebten, egal, ob es sich um die Katze seiner Frau, die
Vögel oder Maulwürfe handelte. In jedem Tier sah er eine eigene Würde und
Schönheit. Leider löste der Umzug nach Ramsgate die finanziellen Probleme
nicht vollständig, denn das 300 Jahre alte Cottage verschlang viel Geld an
Reparaturen. Die Familie lebte von Waites Tantiemen und den Zinsen aus
Kriegsanleihen, die Waite zugunsten seiner Tochter Sybil erworben hatte.
Im Jahre 1924 verstarb Waites Frau Ada. Um seiner Trauer zu entkommen,
stürzte sich Waite noch mehr in seine schriftstellerische Arbeit und
seine Ordenstätigkeiten. Außerdem hatte er Schuldgefühle, weil er glaubte,
Ada wegen seiner Arbeit zu sehr vernachlässigt und nicht bemerkt zu
haben, wie krank sie wirklich war. Auch Waites Gesundheit, die noch nie
sehr robust gewesen war, war angegriffen. Allerdings neigte er zu Hypochondrie,
hatte also ständig Angst vor Krankheiten, beziehungsweise bildete sich diese ein.
Waites Tochter Sybil hatte ein sehr enges Verhältnis zu ihrem Vater und
beanspruchte diesen nach dem Tod der Mutter quasi für sich allein. Als
Mary Broadbent Schofield auftauchte, musste es zwangsläufig zu Problemen kommen.
Mary war bereits 1916 in Waites Fellowship oft the Rosy Cross eingetreten.
Sie bewunderte Waite beinahe grenzenlos. Nach Adas Tod näherte sie sich
ihm auch privat an und wurde seine Privatsekretärin, was von Sybil mit
häufigen Eifersuchtsszenen quittiert wurde. Trotzdem kamen sich Waite
und Mary immer näher und heirateten schließlich am 15. April 1933. Mary
zog nach Ramsgate zu ihrem Mann, jedoch nicht in sein Cottage sondern nach
Westfield Lodge. In gewisser Weise war das allerdings ein eher glückliches
Arrangement, denn so konnte sich Waite, wenn er Frieden vor seiner eifersüchtigen
Tochter suchte, zu seiner Frau flüchten. Außerdem hatte Mary noch eine
Wohnung in London, und zwar in demselben Gebäude, in dem sich auch die Ordensräume
befanden. Hier konnte Waite wohnen, wenn er in London war.
Einige Monate nach seiner Hochzeit verkaufte Waite dann sein Cottage in Ramsgate
und zog mit seiner Tochter in das malerische kleine Seebad Broadstairs, nur
wenige Kilometer nördlich von Ramsgate. Mary scheint zuerst noch in Ramsgate
geblieben zu sein und Waite pendelte nun zwischen drei verschiedenen
Wohnstätten hin und her. Erst 1938 zog Mary ebenfalls nach Broadstairs,
wohnte aber auch dort nicht mit Waite zusammen. Allerdings sollte auch
Broadstairs nicht Waites letzter Wohnort sein.
Bereits 1927 hatte Sybil ein kleines Haus in Bishopsbourne gekauft, welches
Vater und Tochter als Sommersitz nutzten. Das kleine Städtchen Bishopsbourne
befindet sich landeinwärts in Kent, nur etwa vier Meilen von Canterbury
entfernt. Als das Geld erneut knapp wurde, gab Waite auch das Haus in
Broadstairs auf und zog mit seiner Tochter ganz nach Bishopsbourne. Doch
auch hier blieb er nicht lange. Sybil hatte, vermutlich 1941, ein neues
Haus in Bridge bei Canterbury gekauft in das beide noch einmal umzogen.
Hier starb Waite am 19. Mai 1942. Begraben ist er jedoch in Bishopsbourne.
Sein Grab existiert bis heute, soll aber nicht leicht zu entdecken sein,
da es inzwischen von einem wild wuchernden Tollkirschenstrauch überdeckt wird.
Quellenangaben:
Bild: Arthur Edward Waite in den frühen 1880iger Jahren, Wikipedia Commons, Permission = "by age"
R.A. Gildbert, Arthur Edward Waite - Ein Magier besonderer Art
Arthur Edward Waite, Shadows of Light and Thought
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