|
Auf der Schachtel dieses Tarots ist zu lesen "Die Eleganz der Marseiller Arkana und die
kartomantischen Intuitionen von Etteilla in einem innovativen Werk im klassischen Stil...".
In der Tat wirkt das Fortuna Tarot wie eine Neubearbeitung des Tarot de Marseille. Doch
es ist weit mehr. Einer der auffälligsten Unterschiede zum Tarot de Marseille sind zuerst
einmal die Zahlenkarten. Anders, als bei dem Marseiller Klassiker, sind die Zahlenkarten des
Fortuna Tarot voll bebildert, meist mit mittelalterliche Szenen. Die Farben sind kräftiger
und das Deck wirkt insgesamt bunt und lebendig. Die Kartendarstellungen zeigen eine
reichhaltige Symbolik. Alle Karten tragen die traditionellen Bezeichnungen mit einer
Besonderheit bei den Hofkarten. Hier sind jeweils König, Königin und Bube noch zusätzlich
einer historischen, biblischen oder mythischen Persönlichkeit zugeordnet, deren Name am
seitlichen Rand im Kartenbild aufgedruckt erscheint. Dabei handelt es sich interessanterweise
um dieselben Persönlichkeiten, die im englischen Brigde-Spiel mit den Bildkarten verbunden
werden.
Eine weitere Besonderheit bei den Kleinen Arkana ist die Interpretation der traditionellen
vier Elementesymbole nach der Bedeutung, die diese im Mittelalter hatten und die in der
heutigen Tarotdeutung weitgehend unter den Tisch gefallen sind. Beim Fortuna Tarot stehen
die vier Symbole Stab, Kelch, Schwert und Münze nicht einfach nur für die Grundelemente Feuer,
Wasser, Luft und Erde, sondern insbesondere für die vier mittelalterlichen Kardinaltugenden,
welche sie einst repräsentierten. Der Stab war ein Symbol der Kardinaltugend Tapferkeit, der
Kelch stand für die Kardinaltugend Mäßigung, das Schwert symbolisierte die Kardinaltugend
Gerechtigkeit und die Münze oder der Spiegel waren ein Symbol der Kardinaltugend Klugheit.
Eine weitere Reminiszens an das mittelalterliche Tarot findet ist sich auf der Karte des
Eremiten. Dieser trägt hier nicht die heutzutage übliche Lampe, sondern, wie man es in den
frühesten Tarots, wie zum Beispiel dem Visconti-Sforza Tarot findet, eine Sanduhr.
Die bedeutenste Innovation des Fortuna Tarot ist allerdings die Verbindung der heute als
traditionell geltenden Kartenbedeutungen nach Waite und Crowley, mit denen des französischen
Kartenlegers und Autors Etteilla (1738 - 1791). Etteilla war der erste professionelle
Kartenleger der Geschichte. Zwar gilt heute Court de Gébelin als Vater des esoterischen
Tarots, doch der Vater des Kartenlegens war Etteilla, der bereits vor de Gébelin Bücher
über das Kartenlegen veröffentlichte. Aufgrund mangelnder Kenntnisse über seine Person wurde
er im ausgehenden 19. Jahrhundert häufig als eine Art ungebildeter Wahrsager dargestellt,
der angeblich im Hauptberuf Perückenmacher gewesen sein soll, was nicht der Wahrheit
entsprach. Doch dieser schlechte Ruf hat sich leider bis heute gehalten. Daher ist auch kaum
noch bekannt, dass viele der heute als traditionell geltenden Kartenbedeutungen im Ursprung
auf Etteilla zurückgehen. Fast alle großen Tarotisten des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts
haben von Etteillas Wissen profitiert. Kaum einer hat das allerdings auch offen zugegeben.
Etteilla selbst hat noch zu Lebzeiten ein eigenes Tarotdeck entworfen und herausgegeben. Dabei
handelte es sich um das erste Tarot der Geschichte, welches nur zum Zwecke des Wahrsagens
konzipiert war. Dieses Tarot wird in einer überarbeiteten Version bis heute von dem französischen
Verlag Grimaud herausgegeben. Zwei weitere, aber jüngere Versionen des Etteilla Tarots sind
vor ein paar Jahren bei Lo Scarabeo/Königsfurt-Urania erschienen.
Etteillas Kartenbedeutungen sind so, dass sie einerseits recht viel Interpretationsspielraum
lassen, andererseits aber, insbesondere in den Kombinationen, sehr direkt sind. Von all dem
ist natürlich in dem kleinen fünfsprachigen Begleitheftchen, welches dem Fortuna Tarot beiliegt,
nichts zu spüren. Hier gibt es wegen des begrenzten Platzes nur die üblichen Deutungsstichworte.
Allerding liegt mit dem Fortuna Tarot ja auch kein reines Etteilla Tarot vor, sonder eben
ein Deck, welches "Etteillas kartomantische Intuitionen" mit den klassischen Kartendeutungen
verbindet. Es lässt sich allerdings nicht leugnen, dass man bei einigen Karten doch etwas
umlernen muss. Bei der Arbeit mit dem Fortuna Tarot ist es daher von Vorteil, wenn man sich
bereits mit Etteillas Deutungen und seinen Methoden etwas auskennt. Eine notwendige Voraussetzung
ist es allerdings nicht und für erfahrene Tarotisten kann es in jedem Fall eine Bereicherung
darstellen. Insbesondere die wenigen Etteilla-Kenner, die es heutzutage noch gibt, werden an
diesem Deck ihre Freude haben. Wer sich dagegen noch nie mit Etteilla beschäftigt hat, für den
könnte das Fortuna Tarot ein guter Einstieg sein.
Siehe auch: Grand Etteilla Tarot,
Etteila Tarot, Tarot von Etteilla - Das Buch Thot,
Tarocco Egizziano und Cagliostro Tarot
|