| ||||||
|
||||||
|
Verlag und Copyright ©: Lo Scarabeo, Italien - Verlag
Königsfurt-Urania Abbildungen mit Genehmigung des Verlages. | ||||||
Der Name dieses Tarots ist etwas missverständlich. Das Lenormand Tarot basiert nicht nur auf den als Lenormand-Karten bekannten Wahrsagekarten, sondern ganz allgemein auf den Motiven und Symbolen verschiedener Wahrsagekartendecks. Neben den bekannten Lenormand-Symbolen finden wir daher auch Symbole der Etteilla Karten (Petit Etteilla), des Etteilla Tarot, der Kipperkarten oder der Zigeunerkarten, insbesondere aus dem 52-Kartendeck Gypsy Oracle Cards. Einige der Kartendarstellungen der Wahrsagekarten wurde fast 1:1 übernommen. Natürlich ist dieses Tarot auch als eine Hommage an Marie Anne Lenormand (1772 - 1843), der berühmten französischen Seherin gedacht. Zwar hatte die Lenormand im Grunde genommen gar nichts mit den nach ihr benannten Wahrsagekarten zu tun (sie entstanden in ihrer heutigen Form vermutlich erst nach ihrem Tod), doch sie haben dafür gesorgt, dass der Name der Seherin bis heute sozusagen als Synonym für das Wahrsagen mit Karten gilt. Die Kartendarstellungen des Lenormand Tarot, die nicht auf Wahrsagekarten basieren, sind denn auch nach der Zeit, in der die Lenormand lebte, gestaltet. Einige Kartenbilder zeigen Darstellungen und Symbole, welche auf die französische Revolution und die darauf folgende Zeit unter Napoleon Bonaparte verweisen. So sehen wir z.B. auf der Karte der Herrscherin die Kaiserin Joséphine, mit der die Lenormand Zeit ihres Lebens eng verbunden war und der sie während der Revolution, als beide im Gefängnis La Force inhaftiert waren, die Ehe mit "einem berühmten Feldherren" vorausgesagt haben soll. Napoleon finden wir auf der Karte des Herrschers. Auch mit ihm war Marie Anne persönlich bekannt. Als junger Mann soll er einmal zu einer Konsultation bei ihr erschienen sein. Allerdings soll Napoleon später die allzu hellsichtige Kartenlegerin nicht mehr besonders geschätzt haben. Zeitweise wurde sie sogar verdächtigt, auf seherischem Wege Kenntnis von Staatsgeheimnissen erfahren zu haben, was ihr eine Anklage des Hochverrats einbrachte, die aber nicht wirklich ernsthaft verfolgt wurde. Bei dem Hierophanten dürfte es sich wohl um Papst Pius VII. handeln. Wenn man seine Rolle während des Einfalls der französischen Truppen in Italien und später unter Napoleon bedenkt, so ergeben sich in Bezug auf die Deutung der Karte einige interessante zusätzliche Einblicke. Interessant ist auch die Darstellung des Gehängten, deren gesamte Bedeutung sich jedoch nur erschließt, wenn man die historischen Vorgänge kennt, die dem Kartenbild zugrunde liegen. Durchaus tarotgemäss hängt der Gehängte an einem Fuß kopfüber an einem Galgen. Am Gerüst des Galgens sieht man eine Art Plakat mit den Worten "Liberté, Fraternité, Egalité" (Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit), wobei das Wort "Egalité" durchgestrichen ist. Darunter sieht man auf einem Schild (oder Tuch) ein Datum: 21 Floréal 4. Dieses Datum des französischen Revolutionskalenders, der während der Zeit der Revolution in Frankreich in Gebrauch war, entspricht dem 10. Mai 1796 des gregorianischen Kalenders. An diesem Tag wurden 65 Mitglieder einer Vereinigung verhaftet, die sich selbst "Verschwörung der Gleichen" nannte. Diesen "Verschwörern" ging die Umsetzung der Gleichheit (Egalité) durch das Revolutions-Direktorium nicht weit genug. Neben ihren im "Manifest der Gleichen" veröffentlichten Forderungen planten sie daher auch den Sturz des Direktoriums. Von den 65 Verhafteten wurden 7 in ein Straflager geschickt und 56 freigesprochen. Die beiden Hauptangeklagten, Francois Noél Babeuf und Augustin Alexandre Darthé wurden gut ein Jahr nach ihrer Verhaftung, am 27.05.1797 zum Tode verurteilt. Sie entzogen sich der Hinrichtung, indem sie sich vor ihren Richtern erdolchten. Trotzdem wurden ihre Leichen noch auf der Guillotine "hingerichtet". Die Szene auf dem Kartenbild des Gehängten im Lenormand Tarot zeigt vermutlich symbolisch diese Hinrichtung, indem der Gehängte als Strohpuppe dargestellt ist, welche mit einer Hose bekleidet ist, wie sie von den sogenannten Sansculotte (eine Bezeichnung der Arbeiterklasse) getragen wurde. Dabei handelte es sich um eine einfache lange Hose, im Gegensatz zu der von den Adeligen getragenen Kniehose (Culotte). Das Schild/Tuch am Gerüst des Galgens verdeutlicht, was hier wirklich hingerichtet wurde: die Gleichheit, und zwar am Tage der Verhaftung der "Verschwörer der Gleichen", dem 10.05.1796, was dem 21. Tag des Monats Floréal im 4. Revolutionsjahr entspricht. Die Karte "Der Tod" zeigt erwartungsgemäß die Szene einer Enthauptung, wobei über der Guillotine der geflügelte Tod mit Sense und Totenkopf schwebt. Bei diesem Tod handelt es sich um ein Motiv aus den Gypsy Oracle Karten. Gleichzeitig zeigt die Karte aber auch das Wolkensymbol der Lenormand Wahrsagekarten, wobei sich die Enthauptungsszene interessanterweise nicht auf der Seite der Wolken befindet... Natürlich finden wir Marie Anne Lenormand auch selbst in diesem Tarot wieder. Sie ist die Hohepriesterin. Für die Kartendarstellung wurde das Bild der Lenormand, welches sie in der Haft in Brüssel zeigt, verwendet. Insgesamt gesehen handelt es sich beim Lenormand Tarot um eine Art "All-In-One"-Deck. Bis auf Skatkarten finden wir alle Kartenrichtungen aus dem Bereich Wahrsagen mit Karten vertreteten: Tarotkarten nach dem esoterischen (traditionellen) Tarot, Tarotkarten nach dem Etteilla Tarot, Etteilla Wahrsagekarten, Zigeunerkarten und natürlich Lenormand-Karten. Das macht dieses Deck sehr komplex. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Wahrsagekarten-Symbolik manchmal an für die jeweilige Tarotkarte gut passenden Stellen befindet, manchmal aber auch überhaupt nicht zu der zugrunde liegenden Tarotkarte zu passen scheint. In einigen Fällen ergeben sich sogar erhebliche Widersprüchlichkeiten. Letzteres gilt vor allen Dingen für die Lenormand-Karten. Der diesem Deck zugrunde liegende Gedanke, alle Wahrsagekarten-Richtungen in einem Tarot zusammen zu fassen und so ein Deck zu schaffen, welches praktisch von jedem Kartenleger, unabhängig davon, welchen Kartentyp er ansonsten bevorzugt, benutzt werden kann, ist an sich ja eine interessante Idee. Sie verweist überdies noch ein weiteres Mal auf Marie Anne Lenormand, von der bekannt ist, dass sie ja auch mehr als ein Kartendeck verwendet haben soll (angeblich waren es 14 verschiedene Kartendecks, darunter auch das Tarot und Etteilla-Karten). Allerdings ist es auch eine schwierige Aufgabe und es fällt schwer zu entscheiden, ob sie hier gelöst wurde oder misslungen ist. Kartenleger, die sich sowohl mit dem Tarot, als auch mit Lenormand-Karten und/oder Zigeunerkarten auskennen, werden sich hier schwer tun, da beim Lenormand Tarot nichts mehr so richtig zusammen zu passen scheint. Kartenleger, die bislang nur mit einem Kartentyp gearbeitet haben, werden mit diesem Deck kaum einen Bezug zu einem der anderen vertretenen Kartendecks finden. Einen wirklichen Zugang zum Lenormand Tarot findet man eigentlich nur, wenn man dieses Deck als eine Art Sonderform der Wahrsagekarten betrachtet, bei der verschiedene Wahrsagekartendecks in Tarotform zusammengeführt wurden. Manches, was man aus dem traditionellen Tarot kennt, muss man ganz einfach "über Bord werfen" und sich allein auf die Kartendarstellungen konzentrieren. Beschäftigt man sich dann aber auf diese Weise ein Weile mit den Karten, kann manchmal Erstaunliches zu Tage kommen. Nehmen wir als Beispiel hier nur einmal die Karte Drei der Schwerter. Im traditionellen Tarot ist die Grundbedeutung dieser Karte Kummer, Verdruss. Das Kartenbild des Lenormand Tarot zeigt Symbolik aus den Zigeuner-, Petit Etteilla-, Kipper- und Lenormand-Karten mit der Bedeutung Hoffnung (Zigeuner, Petit Etteilla, Kipper), bzw. zusätzlich auch berufliche Angelegenheiten (Lenormand). Hier passt auf den ersten Blick gar nichts zusammen. Doch wann braucht man Hoffnung eigentlich am dringensten? Genau: bei Kummer und Verdruss. Hier bewirkt die Symbolik der Wahrsagekarten eine positive Einstellung zu einer von der Grundbedeutung her negativen Tarotkarte. Natürlich werden sich die Lenormand-Kartenleger fragen, was das denn nun mit beruflichen Angelegenheiten zu tun hat. Dazu muss man sich vor Augen führen, wie das Symbol des Ankers überhaupt mit beruflichen Angelegenheiten verknüpft ist. Die Symbolik des Ankers stammt aus der Seefahrt. Seereisen waren früher immer mit nicht unerheblichen Gefahren verbunden. Der Anker bedeutete Sicherheit, ankern im sicheren Hafen, ankern im Sturm, so dass das Schiff nicht untergehen kann und damit verbunden die Hoffnung, die Reise gut zu überstehen, was in früheren Zeiten ganz und gar nicht selbstverständlich war. Dieselbe Beziehung besteht zu beruflichen Angelegenheiten. Beruf und Arbeit bieten materielle Sicherheit und einen festen Platz in der Gesellschaft (in der Gesellschaft verankert sein). Gleichzeitig kann der Anker aber auch auf die Notwendigkeit hinweisen, einmal loslassen zu müssen (den Anker lichten), um voran zu kommen, sich beruflich weiter zu entwickeln. Dieser Aspekt des Loslassens bedeutet auf die Karte Drei der Schwerter übertragen das Loslassen von Kummer und Verdruss, sich nicht in seinem Kummer zu "vergraben", bzw. - um beim Symbol des Ankers zu bleiben - sich nicht in seinem Kummer zu verankern. Wir haben hier also im Prinzip dieselbe Aussage, welche der Anker als Symbol der Hoffnung liefert. Betrachtet man nun die Tarotkarte Drei der Schwerter aus diesen verschiedenen Richtungen (Tarotgrundbedeutung und Bedeutung nach dem Wahrsagekartenbild) so ergibt sich ein komplexer Bedeutungsinhalt, der die Grundbedeutung der Tarotkarte weiterführt und ihr zusätzlich ein positive Seite beifügt. Im Gesamtbild einer Legung kann das zu sehr konkreten Aussagen führen. Zur Verdeutlichung, wie sich Tarotkartenbedeutung und Wahrsagekartenbedeutung im Lenormand Tarot ergänzen, bzw. verschiedene Facetten der Kartenaussage aufzeigen können, soll hier noch kurz die Karte Sechs der Münzen (Scheiben, Pentakel) angeführt werden. Bei dieser Karte passt - anders, als im vorangegangenen Beispiel - das Kartenbild gut zur Kartenbedeutung des traditionellen Tarot. Die Grundbedeutung dieser Tarotkarte ist Barmherzigkeit, Hilfe, Großzügigkeit, Freigiebigkeit. Im Rider Waite Tarot zeigt das Kartenbild einen Mann, der eindeutig begütert ist - vielleicht ein Adeliger oder ein reicher Kaufmann - und der Almosen an zwei Bedürftige verteilt. In seiner linken Hand hält der Mann eine Waage. Das Kartenbild des Lenormand Tarot zeigt im Prinzip dasselbe, auch wenn hier nur ein Bedürftiger zu sehen ist. Dieses Lenormand-Tarot-Bild stammt aus dem Petit Etteilla, wo die Karte jedoch nicht die Bedeutung von Barmherzigkeit, Großzügigkeit, etc. hat, sondern auf Heuchelei hindeutet. Der gebende Mann ist seiner Kleidung nach ein Geistlicher und hält, während er dem Armen Geld gibt, gleichzeitig warnend seinen linken Zeigefinger in die Höhe. Er verknüpft die Gabe mit einer Bedingung oder Ermahnung, vermutlich religiöser Natur, wodurch der Bedürftige zusätzlich unter Druck gestellt oder ihm möglicherweise sogar eine Mitschuld an seinem Zustand gegeben wird. Die Hilfe des Geistlichen ist also nicht allein von christlicher Nächstenliebe bestimmt, sondern dient in erster Linie der Selbstdarstellung und Selbstgerechtigkeit. Die Nächstenliebe ist nur geheuchelt. Das traditionelle Kartenbild der Tarotkarte weist zwar bei näherer Betrachtung in dieselbe Richtung, ist aber weit weniger deutlich. Hier ist die Waage, ebenfalls in der linken Hand des Gebenden, ein Hinweis auf eine möglicherweise vorhandene Einschränkung seiner Freigiebigkeit. Der Gebende wägt ab, ist also nicht ganz so selbstlos und hilfsbereit, wie es auf den ersten Blick erscheint. Allerdings geht dieser Aspekt in der heutigen Auffassung der Karte manchmal unter. Das Bild des Petit Etteilla rückt ihn wieder mehr ins Bewußtsein, indem die im Grunde genommen positive Tarotkarte einen Warnhinweis erhält. Die Liste der Beispiele ließe sich noch eine ganze Weile fortsetzen, wofür aber hier nicht der Raum ist. Um mit dem Lenormand Tarot zu arbeiten, ist es notwendig, sich nicht nur mit dem Tarot, sondern auch mit anderen Kartendecks auseinander zu setzen und eingehend mit den Karten zu beschäftigen. Kennt man die Grundbedeutung der jeweiligen Tarotkarte und der Wahrsagekarte, welche dem Kartenbild zugrunde liegt, so entdeckt man häufig, dass die Aussage der Wahrsagekarte die Antwort auf die Thematik der Tarotkarte andeutet. Dort, wo beide nicht in Einklang zu bringen sind, entscheidet beim Legen dann in der Regel das Gesamtbild, welcher Deutungsaspekt zur Aussage kommt. Das mag verwirrend sein, liefert aber auch einige zusätzliche Möglichkeiten und Einblicke. Vieles kommt hier auf die Inspiration, das "innere Sehen" an. Das Lenormand Tarot ist ein umfassendes Wahrsagekartendeck im "Tarotkleid". Für Anfänger, die sich weder mit dem Tarot, noch mit Wahrsagekarten auskennen, ist es allerdings nicht geeignet. Wegen seiner ungewöhnlichen "All-In-One"-Gestaltung ist es jedoch ein echtes Sammlerobjekt. Zu Marie Anne Lenormand siehe auch ihre Biografie bei den Tarotpersönlichkeiten.
|