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Geschichte des Tarot - Teil 2 - Geschichte und Herkunft der Karten
Das wir die Geschichte der Karten heute überhaupt noch über Jahrhunderte hinweg verfolgen
können, verdanken wir der Tatsache, dass sie der Katholischen Kirche und damit automatisch
auch den weltlichen Behörden ein Dorn im Auge waren. Als erste gesicherte Erwähnung der
Karten gilt ein Verbot aus dem schweizerischen Bern. Dort wurde im Jahre 1367 der Gebrauch
des "Gebetsbuch des Teufels", wie die Karten von der aufgebrachten Obrigkeit genannt wurden,
untersagt. Früher datierte Erwähnungen, wie diejenige in der Chronik des Venezianers Sandro
di Pipozzo aus dem Jahre 1299 und das Verbot des Bischofs von Würzburg aus dem Jahre 1329
gelten inzwischen als zweifelhaft. Bei der besagten venezianischen Chronik soll es sich
nicht um das Original von 1299, sondern um eine Abschrift aus dem 15. Jahrhundert handeln.
Die Erwähnung der Karten kann daher eine spätere Einfügung sein. Das Würzburger Datum wurde
bereits 1937 glaubwürdig widerlegt.
Im Jahre 1369 untersagte der französische König Karl V. das Kartenspiel per Dekret.
1377 sprach der Magistrat von Florenz ein Verbot der "Naibe", wie die
Karten dort genannt wurden, aus. In Viterbo schloss man sich, ebenfalls 1377, der
allgemeinen Verbotswelle an und untersagte den Gebrauch der Karten, die dort
interessanterweise als "Spiel aus dem Land der Sarazenen" bezeichnet wurden. 1378 hatte
der Schrecken des Kartenspiels Regensburg erreicht und wurde verboten. Dasselbe geschah
zwei Jahre später in Nürnberg. Zahlreiche weitere Verbote folgten in den nächsten
Jahrzehnten. 1452 kam es in Nürnberg sogar zu einer regelrechten Spielkartenverbrennung
durch einen Franziskanermönch namens Capistranus.
Doch nicht alle scheinen damals die Karten derart negativ gesehen zu haben. Aus dem
Jahre 1377 stammt ein Traktat des Dominikanermönchs Johannes von Rheinfelden, der in
der Nähe von Basel lebte. In seinem "Tractatus de moribus et disciplina humanae
conversationis", beschreibt dieser ein Kartenspiel, welches er seit dem Jahre 1374
kannte:
"Anno Domini 1374 kam ein Spiel zu uns, das ein Kartenspiel genannt wird, und das in
wunderbarer Weise den Zustand dieser Welt beschreibt. Doch woher es stammt, wer es erfunden
hat und was damit tut, entzieht sich meiner Kenntnis."
Karl V. hatte das Kartenspiel noch per Dekret verboten. Karl VI., sein Nachfolger auf dem
französischen Thron, scheint den Karten jedoch weitaus aufgeschlossener gegenüber gestanden
zu haben. In einem erhalten gebliebenen Rechnungsbuch seines Schatzmeisters findet sich für
das Jahr 1392 eine Zahlung an einen Maler namens Jacquemin Gringonneur für "drei vergoldete
und verzierte Kartenspiele" verzeichnet. Karl VI., für den die Karten vermutlich bestimmt
waren, kam bereits sehr jung auf den Thron, verfiel aber später dem Wahnsinn. Im Jahr 1392,
dem Jahr, in dem Gringonneur die Karten für ihn malte, zog Karl gegen den aufrührerischen
Herzog der Bretagne zu Felde. Angeblich soll plötzlich ein Mann in weißen Kleidern aus
einem Buschwerk hervorgekommen und das Pferd des Königs angehalten haben. Der Unbekannte
warnte den König eindringlich, nicht weiter zu ziehen und verschwand. Daraufhin soll
sich der Geist des Königs verwirrt haben. Endgültig dem Wahnsinn verfiel er dann ein
Jahr später, als bei einer Maskerade ein Brand ausbrach, dem mehrere Personen zum Opfer
fielen.
Im Jahre 1408 verzeichnet das Inventar des Herzogs von Orleans ein Spiel mit "sarazenischen
Karten". Einen fast identischen Hinweis auf die mögliche Herkunft der Karten enthielt bereits
das Verbot aus Viterbo aus dem Jahre 1377 (s.o.). Die Bezeichnung "Sarazenen" ist aus dem
lateinischen Wort "saracenus" hervorgegangen. Mit diesem Begriff bezeichneten bereits die
Griechen und Römer die Nomadenvölker der arabischen und syrischen Wüste. Im Mittelalter
wurde daraus dann eine in ganz Europa gebräuchliche Bezeichnung für Moslems, insbesondere
für die Türken des Osmanischen Reiches.
Im Topkapi-Museum in Istanbul befindet sich ein Kartenspiel aus dem 14. Jahrhundert,
welches mit dem "Spiel aus dem Land der Sarazenen" identisch sein könnte. Die 52 Karten
dieses Decks waren in vier Sätze zu je 13 Karten unterteilt. Die Sätze wurden als Stäbe,
Kelche, Schwerter und Münzen bezeichnet. Jeder Satz bestand aus 10 Zahlenkarten und 3
Hofkarten: einem König (Malik), einem stellvertretenden König (Naib Malik) und einem
Stellvertreter des stellvertretenden Königs (Thani Naib). Die Bezeichnung der Karten als
"Naibe", wie sie für die italienischen Quellen bezeugt ist (s.o. Verbot der Karten in
Florenz), kann also aller Wahrscheinlichkeit nach auf das Wort "Naib" zurückgeführt werden.
Zusammen mit der Bezeichnung der Karten als "sarazenisch" ist das ein wichtiger Hinweis auf
die Herkunft der Karten und berechtigt zu der Annahme, dass sie aus dem Orient kamen
Man geht heute davon aus, dass das Istanbuler Kartenspiel von den Mamelucken stammt. Die
Mamelucken tauchen zum ersten mal im 9. Jahrhundert in der Geschichte auf. Ursprünglich
handelte sich um türkische Militärsklaven. Anfänglich bildeten sie die Leibgarde des
Sultans. Doch im Laufe der Zeit wurden sie zu einer gefürchteten Eliteeinheit. Als 1249
der Mamelucken-General Aybak die Witwe des ägyptischen Sultans heiratete und den ägyptischen
Thron bestieg, war das der Anfang des sogenannten ägyptischen Mameluckenstaates, der bis
zu Beginn des 19. Jahrhunderts existierte. Sollte das Istanbuler Kartenspiel wirklich von
den Mamelucken stammen, so wäre dies der einzige mögliche Hinweis auf eine ägyptische
Herkunft der Karten, welcher allerdings noch immer keine Schlussfolgerung auf ihr Alter und
ihren tatsächlichen Ursprung zuließe.
Betrachtet man die Geschichte der Karten bis hierher, so scheint sich ein deutlicher
Hinweis in Richtung Orient zu ergeben. Nicht übersehen werden darf dabei aber, dass auch
in Korea und China Spielkarten bereits für das 12. Jahrhundert nachgewiesen sind. Natürlich
lässt auch das keinen Schluss darüber zu, ob die Karten ursprünglich aus diesen Kulturkreisen
stammten oder aus anderen Kulturen eingeführt wurden.
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