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Geschichte des Tarot - Teil 3 - Die ersten nachweisbaren Tarotkarten
Bei allen Karten, die für die Zeit vor 1420 nachweisbar sind, muss man, mangels gegenteiliger
Beweise davon ausgehen, dass es sich um Spielkarten handelte. Das liegt hauptsächlich daran,
dass die Trümpfe des Tarots, die wir heute als "Große Arkana" bezeichnen, vor dieser Zeit
von keiner der nachweisbaren Quellen erwähnt werden. Auch die siebzehn illuminierten Karten,
die sich heute in der Bibliothèque Nationale in Paris befinden und die früher als die ersten
nachweisbaren Tarotkarten galten, werden inzwischen auf einen späteren Entstehungszeitraum
datiert. Bei einigen dieser siebzehn Karten handelt es sich eindeutig um Tarottrümpfe. Lange
Zeit nahm man nun an, dass es sich bei diesen Karten um die im Rechnungsbuch Karls VI.
erwähnten Gringonneur-Karten handeln könnte (s.o.). Damit wäre der Nachweis für die Existenz
von Tarotkarten bereits für das Jahr 1392 gegeben gewesen. Inzwischen geht man jedoch
davon aus, dass die Pariser Karten erst Ende des 15. Jahrhunderts entstanden sind und aus
Venedig kamen. Das schließt zwar nicht aus, dass auch die Gringonneur-Karten bereits
Tarotkarten waren. Die Pariser Karten können jedoch nicht mit diesen identisch sein.
Der erste gesicherte Nachweis über die Existenz von Tarotkarten stammt aus der ersten Hälfte
des 15. Jahrhunderts aus Italien. In den Jahren von 1420 bis 1450 bestellten der Herzog von
Mailand, Filippo Maria Visconti (1391 - 1447), und vermutlich auch noch sein Nachfolger
Francesco I. Sforza, der 1450 als Nachfolger Viscontis nach der kurzen Periode der
ambrosianischen Republik Herzog von Mailand wurde, um die 15 verschiedene Kartendecks, aus
denen noch 250 Karten erhalten sind. Diese Karten werden heute als Visconti-Spiele bezeichnet.
Das bekannteste davon ist das Visconti-Sforza Tarot, welches mit 74 noch erhaltenen Karten
das bisher älteste bekannte Tarot ist.
Etwa um das Jahr 1470 entstanden die Karten, die heute als Mantegna Tarot bekannt sind, da
sie ursprünglich dem venezianischen Maler Andrea Mantegna zugeschrieben wurden. Inzwischen
geht man aber davon aus, dass die Karten nicht von Mantegna, sondern von einem Schüler aus
der Schule von Francesco del Cossa gemalt wurden und in Ferrara entstanden sind. Das aus
nur 50 Karten bestehende Tarot wurde von mehreren Künstlern der damaligen Zeit kopiert,
darunter auch Albrecht Dürer. Die Kartendarstellungen, die u.a. den Weg zu Gott
verdeutlichen sollten, legen einmal mehr die Vermutung nahe, dass ein solches Tarot nicht
nur zum Zweck des Spielens allein geschaffen wurde.
Im späten 15. Jahrhundert entstand dann eines der bemerkenswertesten Tarots: das Sola Busca
Tarot. Dieses Deck ist das erste historisch bekannte Tarot, bei dem die Zahlenkarten voll
bebildert sind. Die Trümpfe (Große Arkana) dieses Tarots haben augenscheinlich historische
Personen, hauptsächlich aus dem alten Rom, zum Vorbild. Damit unterscheidet sich das Sola
Busca Tarot von allen anderen seiner Zeit und blieb gut 500 Jahre lang einzigartig. Erst
1909 wurde mit dem Rider Waite Tarot wieder ein Deck geschaffen, bei dem die Zahlenkarten
voll bebildert sind. Pamela Colman Smith, die Schöpferin des Rider Waite Tarots, soll
angeblich das Sola Busca Tarot hierfür zum Vorbild genommen haben. Der Schöpfer des Sola
Busca Tarots selbst ist unbekannt. Seinen Namen hat das Deck nach der Familie Sola Busca
bekommen, für die es wahrscheinlich geschaffen wurde.
In einem alten Manuskript, das auf die Zeit um 1500 datiert wird, befindet sich die
Predigt eines Franziskanermönchs aus der italienischen Provinz Umbrien. In dieser Predigt
wendet sich der Mönch vehement gegen Glücksspiele. Als eines dieser anzuprangernden
Glücksspiele nennt er die "Trümpfe" (ital. Trionfi). Gegen dieses Spiel scheint er
besonders eingenommen zu sein, da dort auch "...der Kaiser, der Papst, der Teufel, Engel
und sogar Gott selbst erscheinen...". Der aufgebrachte Mönch gibt alle Karten mit ihrem
jeweiligen Namen an. Es ist recht eindeutig, dass dieselben Karten gemeint sind, die wir
heute als die Großen Arkana des Tarot kennen, auch wenn die Kartenbezeichnungen nicht
völlig exakt mit denen der Großen Arkana übereinstimmen. Dafür geben sie einen ganz
anderen Hinweis.
Zur Liste des Mönchs
Im Mittelalter und in der Renaissance wurden in den Städten Italiens sogenannte "Trionfi"
(zu Deutsch: "Triumphe") abgehalten. Diese Trionfi waren Umzüge, bei denen auf großen Wagen
allegorische Bilder durch die Straßen gefahren wurden, welche religiöse Szenen, aber auch
antike Mythen darstellten. In der Regel gab es drei verschiedene Triumphfolgen. Die erste
Folge war der Triumph der Liebe. Ihr folgte der Triumph des Todes. Als letztes kam der
Triumph der Ewigkeit. Der gesamten Prozession voran fuhr ein Wagen mit der Darstellung eines
Gauklers als Sinnbild für den Narrenkönig der antiken römischen Saturnalia. Am Ende der
Prozession kam ein Wagen, der einen Narren zeigte, welcher als Sinnbild des Frühlings galt.
Ein solcher Triumphzug soll manchmal aus mehr als 200 Wagen bestanden haben, wobei die
Darstellung der einzelnen Szenen auf mehrere Wagen verteilt war. Die Reihenfolge der Szenen
zeigt eine weitgehende Übereinstimmung mit der Reihenfolge der Trümpfe, wie sie der erboste
Mönch in seiner Liste aufführt. Zudem ist der Begriff "Trümpfe" aus dem Wort "Triumph"
(ital. Trionfo) entstanden. Im Italienischen besteht sogar eine völlige Namensübereinstimmung.
So verlockend jedoch die Triumphzug-Theorie auch ist, unter Tarotforschern ist sie nicht
unumstritten.
Zur Liste der Darstellungen der mittelalterlichen Triumpfzüge
Etwa in der Mitte des 16. Jahrhunderts taucht dann zum ersten mal die Bezeichnung
"Tarocchi" für die Karten auf. Ob und wie die Begriffe "Tarocchi" und "Trionfi"
zusammenhängen, ist nicht geklärt. Aus dem italienischen Wort "Tarocchi" (sing. Tarocco)
wurde im Französischen "Tarot" und im Deutschen "Tarock".
Irgendwann zwischen 1748 und 1760 entstand in der Kartenmanufaktur von Nicolas Conver aus
Marseille ein Tarot, das heute als Tarot de Marseille bekannt ist. Die Kartenbilder dieses
Tarots sind aus Holzstichen entstanden und wirken sehr einfach gestaltet. Sie sind lediglich
in den Farben Rot, Blau, Gelb und Grün koloriert.
Möglicherweise war es ein Tarot de Marseille, welches Court de Gébelin einige Jahre später,
an jenem schicksalhaften Nachmittag in Paris sah, welcher heute als die Geburtsstunde des
esoterischen Tarots gilt. De Gébelin starb 1784. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich seine
Erkenntnisse über das Tarot bereits in der esoterischen und okkulten Welt der damaligen
Zeit verbreitet. Besonders ein Mann verschrieb sich ganz de Gébelins geistigem Erbe.
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