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Geschichte des Tarot - Teil 5 - Mystiker und Magier des Tarot
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erreichte das Interesse am Tarot einen Höhepunkt.
Insbesondere drei Männer trugen maßgeblich dazu bei: Jean-Baptiste Pitois (1811 - 1877),
besser bekannt unter dem Namen Paul Christian, Alphonse Louis Constant (1810 - 1875),
besser bekannt unter dem Namen Éliphas Lévi und Dr. Gerard Encausse (1865 - 1916), besser
bekannt als Papus.
Paul Christian beschäftigte sich eingehend mit Astrologie, Tarot und Magie. Als Historiker,
Journalist und Bibliograph wurde er von der französischen Regierung zum Archivar berufen und
hatte dadurch Zugang zu Büchern, die aus alten Klosterbeständen stammten und im Jahre 1790
während der Französischen Revolution bei der Schließung französischer Klöster beschlagnahmt
worden waren. Darunter sollen sich auch okkulte Schriften befunden haben. Immer wieder wurde
der Verdacht laut, dass er dabei auf eine alte Schrift über das Tarot gestoßen sei. Bewiesen
wurde das jedoch nie, noch wurde eine solche Schrift bisher gefunden. In seinem Buch
"Histoire de la Magie" beschreibt Christian eine religiöse Zeremonie aus dem Alten Ägypten,
die in 78 Stufen eingeteilt gewesen sein soll und in einer Halle ihren Höhepunkt fand, in
der die 22 Trümpfe des Tarots im Bild dargestellt gewesen sein sollen. Angeblich bezog er
sein Wissen aus einem der beschlagnahmten Klosterbücher. Paul Christian veränderte die
Bezeichnungen der Trümpfe dergestalt, dass sie, seiner Meinung nach, der ursprünglichen
Bedeutung näher kamen. Er war es auch, der den Begriff "Arkana" (Geheimnisse) anstelle
von "Trümpfen" einführte. Außerdem nummerierte er, wie schon zuvor Étteilla, die Karten
von 1 - 78 durch, gemäß den 78 Stufen der von ihm beschriebenen altägyptischen Zeremonie.
Zur Liste der Trümpfe nach Paul Christian
Am nachhaltigsten hat wohl Éliphas Lévi das Tarot beeinflusst. Lévi war ursprünglich
katholischer Priester, wandte sich dann aber einem intensiven Studium der Magie und
der Mystik zu. Er veröffentlichte mehrere Bücher über Magie. Lévi war ein Anhänger der
Lehren Court de Gébelins und davon überzeugt, dass das Tarot uraltes Wissen enthalte. Wie
Court de Gébelin glaubte er daran, dass das Tarot aus dem Alten Ägypten stammte. Fasziniert
von alter hebräischer Mystik und der Kabbala schloss er aber auch einen Ursprung in Palästina
oder zumindest einen Entwicklungsweg über Palästina nicht aus. Bereits Court de Gébelin
vermutete, aufgrund der Übereinstimmung der Anzahl der Tarottrümpfe mit der Anzahl der
Buchstaben des hebräischen Alphabets, einen möglichen Zusammenhang. Lévi beschäftigte
sich nun intensiv mit den Zusammenhängen zwischen den hebräischen Buchstaben, der Kabbala
und den Tarottrümpfen. Er war davon überzeugt, dass nur derjenige, der die richtige
Reihenfolge der Trümpfe kennt, in der Lage wäre, ihren wahren Sinn zu begreifen. Damit hat
er eine bis heute andauernde Diskussion über die richtige Reihenfolge ausgelöst. Lévi vertrat
außerdem die Ansicht, dass das Tarot der Schlüssel zum richtigen Verständnis der Kabbala sei.
Auch Papus bemühte sich um die Zusammenhänge zwischen Kabbala und Tarot. Zusätzlich stellte
er Bezüge zur Alchemie her. Seiner Meinung nach lag der Ursprung des Tarot in Atlantis und
war im Alten Ägypten nur weiterentwickelt worden. Zu seiner Zeit herrschte noch der Glaube
vor, dass die Zigeuner aus Ägypten gekommen seien. Papus sah in ihnen daher die Überbringer
des Tarots. Sein Buch "Der Tarot der Zigeuner" zählt, nicht zuletzt wegen seiner trotz allem
schlüssigen Argumentation, bis heute immer noch zu den Standardwerken. Papus war ein Anhänger
Éliphas Lévis, scheint aber, anders als dieser, Étteilla objektiver betrachtet zu haben.
1909 erschien sein Buch "Der Tarot der Weissagung" dem ein Tarot-Deck beigelegt war, welches
nach seinen Anweisungen von G. Goulinat gemalt worden war und einigen Einfluss von Étteilla
erkennen ließ.
Papus war gut bekannt mit dem Marquis Stanislas de Guaita (1861 - 1897), der sich ebenfalls
sehr für das Tarot interessierte. De Guaita, der als Schwarzmagier galt, schrieb mehrere
Bücher und gründete 1888 den Kabbalistischen Orden des Rosenkreuzes, von dem er sich aber
bald mit dem ebenfalls von ihm gegründeten Orden des Katholischen Rosenkreuzes wieder
abspaltete. Der Orden wurde später auch als "die schwarzen Rosenkreuzer von Paris" bezeichnet.
De Guaitas Freund und Sekretär war der Freimaurer und Hobbymaler Oswald Wirth (1860 - 1943).
Dieser schuf unter de Guaitas Anleitung das Oswald Wirth Tarot, welches ursprünglich nur aus
den 22 Großen Arkana bestand. Die Hofkarten und Kleinen Arkana der heutigen Ausgaben wurden
nachträglich hinzugefügt.
Wer war Stanislas de Guaita
Eines der wohl bedeutensten Ereignisse in der Geschichte des Tarots, war die Gründung des
Hermetischen Ordens der Goldenen Morgenröte (Hermetic Order of the Golden Dawn) im Jahre 1888.
Manchmal wird auch 1885 als Gründungsjahr angegeben. Neben theoretischer und praktischer
Magie und esoterischen Disziplinen, wie Astrologie und Kabbala war das Tarot einer der
Hauptpfeiler des Ordens und spielte bei seinen Ritualen eine wesentliche Rolle. Drei
Mitglieder dieses Ordens sollten die Tarotlehren entscheidend beeinflussen: Arthur Edward
Waite (1857 - 1942), Pamela Colman Smith (1878 - 1951) und Aleister Crowley (1875 - 1947).
Pamela Colman Smith malte unter Anleitung von Waite das nach Waite und seinem Verleger Rider
benannte Rider Waite Tarot und schuf damit eines der beiden berühmtesten Tarots. Waite
selbst setzte mit seinen Tarotlehren einen Deutungsstandard, der bis heute Gültigkeit hat.
Aleister Crowley war die wohl schillernste Figur des Golden Dawn und ein Enfant Terrible
seiner Zeit. Er beschäftigte sich intensiv mit Magie und war für seine okkulten Zeremonien
berüchtigt. Bereits zu seinen Lebzeiten rankten sich Legenden um seine Person. Sein Ruf als
einer der größten Magier ist bis heute ungebrochen. Crowley war der geistige Schöpfer des
von Frieda Harris gemalten Thoth Tarots, das heute oft auch als Crowley Tarot bezeichnet
wird und neben dem Rider Waite Tarot das am meisten benutzte Tarotdeck ist.
Das vom Golden Dawn ursprünglich verwendete Tarot war lange Zeit mit dem Mantel der
Geheimhaltung bedeckt. Erst Israel Regardie (1907 - 1983), der selbst ein Mitglied des
Golden-Dawn-Nachfolgeordens Stella Matutina war und während einiger Jahre als Crowleys
Sekretär fungierte, brach 1937 sein Schweigegelübde und veröffentlichte die geheimen
Ordensunterlagen in einem vierbändigen Werk unter dem Titel "The Golden Dawn" (deutscher
Titel: Das magische System des Golden Dawn). Nach seinen Zeichnungen des (angeblich)
ursprünglichen Golden Dawn Tarots entstand das von Robert Wang gemalte Tarot des Golden Dawn.
Heute ist das Interesse am Tarot größer als je zuvor. Es gibt inzwischen hunderte von
verschiedenen Tarotdecks und nicht wenige davon sind regelrechte Kunstwerke. Von Albrecht
Dürer bis Salvador Dali haben sich selbst berühmte Künstler an Tarotkarten versucht. Das
Tarot ist Anlass für Forschungen, dient als spirituelles Medium, als Hilfsmittel zum
Wahrsagen, ist Gegenstand vieler Bücher und vieler unterschiedlicher Meinungen. Der Karten
verbrennende Franziskaner Capistranus wäre entsetzt.
Um mehr über Arthur Edward Waite zu erfahren, klick hier
Um mehr über Pamela Colman Smith zu erfahren, klick hier
Um mehr über Aleister Crowley zu erfahren, klick hier
Quellenangaben:
Bild Marie-Anne Lenormand: die junge Mlle Lenormand, Wikipedia Commons, Permission = "by age"
Bild Arthur Edward Waite: Arthur Edward Waite in den frühen 1880iger Jahren, Wikipedia Commons, Permission = "by age"
Bild Pamela Colman-Smith: ca. 1912, Stuart R. Kaplan, The Encyclopedia of Tarot, Vol. III, mit freundlicher Genehmigung
Bild Aleister Crowley: Masonic Regalia, ca. 1904, Wikipedia Commons, Permission = "by age"
Stuart R. Kaplan, The Encyclopedia of Tarot
Cynthia Giles, Tarot
Wikipedia
Trionfi.com
Eckhard Graf, Die Magier des Tarot
Anne Biwer, Das große Lenormand Wahrsagebuch
Belinda Rodik, Das Tarot-Lexikon
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