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Antoine Court de Gébelin (1719 - 1784)
Ursprünglich diente das "de Gébelin", welches Antoine Court seinem Namen anhängte, als Schutz
vor Diskriminierung, denn der französische Gelehrte war von Geburt an mit einem Makel
behaftet, der im katholischen Frankreich des 18. Jahrhunderts dazu angetan war, ihn
gesellschaftlich auszugrenzen: Antoine Court war Hugenotte. Die Hugenotten waren französische
Protestanten, deren Glauben stark von der Lehre Johannes Calvins' beeinflusst war. Anhänger
dieser Glaubensrichtung wurden damals in Frankreich regelrecht verfolgt und für Antoine Court
war die Gefahr sogar noch größer, als für viele seiner Glaubensgenossen, denn sein Vater,
der ebenfalls Antoine hieß, war einer der bekanntesten Geistlichen der Hugenotten in
Frankreich. Die Namensänderung zu Court de Gébelin sollte vor gesellschaftlicher Ächtung und
Verfolgung schützen.
Als de Gébelins Mutter mit ihm schwanger wurde schickte ihr Mann sie in die Schweiz, um
Mutter und Kind zu schützen. Dort lebten sie nach Antoines Geburt mehrere Jahre inkognito
unter dem Namen Corteiz. Die Folge davon war, dass das genaue Geburtsjahr de Gébelins heute
nicht völlig sicher feststeht. Sehr wahrscheinlich wurde er aber 1719 in Genf geboren.
Allerdings wird auch manchmal 1725 und sogar 1728 als sein Geburtsjahr angegeben. 1729
folgte der Vater seiner Familie ins Exil, denn in Frankreich drohte ihm inzwischen aufgrund
seiner religiösen Arbeit das Gefängnis.
Geprägt durch seinen Glauben und das Lebenswerk seines Vaters wurde de Gébelin protestantischer
Theologe. Viele Jahre arbeitete er als Lehrer und unterstützte die Arbeit seines Vaters, doch
ihm fehlte dessen religiöser Eifer. Erst 1754 ließ er sich zum Pastor weihen. De Gébelin
fühlte sich jedoch viel mehr zu den Kulturen der Antike, den alten Mythen und insbesondere
der Erforschung alter Sprachen hingezogen. Er glaubte fest an die Existenz einer vergessenen
Ursprache, die einstmals allen Menschen gemein war und mit der man die Ähnlichkeiten in den
alten religiösen Überlieferungen und Mythen erklären, bzw. deren Botschaft entschlüsseln
könnte. Diese Überzeugung brachte ihn fast zwangsläufig mit dem Okkultismus in Berührung.
De Gébelin war ca. 43 oder 44 Jahre alt, als er 1762 oder 1763 - das genaue Jahr ist nicht
ganz sicher - nach Paris ging. Eigentlich sollte er dort das Lebenswerk seines Vaters
weiterführen und den protestantischen Gemeinden Frankreichs zu gesellschaftlicher Anerkennung
verhelfen. Doch seine wahren Interessen waren stärker als sein Pflichtgefühl dem dominanten
Vater gegenüber. Statt sich der protestantischen Sache zu widmen, folgte er seiner wahren
Berufung. De Gébelin intensivierte seine Studien der alten Sprachen, Mythen und Religionen
und brachte es mit der Zeit zu einem gesellschaftlich anerkannten und angesehenen Gelehrten.
Er wurde Mitglied der Académie francaise, einer 1634 von Ludwig XIII. gegründeten Institution,
die bis heute existiert und deren Mitgliederzahl auf 40 begrenzt ist. Zwischen 1773 und 1782
veröffentlichte er die ersten neun Bände seines monumentalen Werkes "Le Monde primitif,
analysé et comparé avec le monde moderne" (Die primitive Welt, analysiert und verglichen mit
der modernen Welt), welches gleich zweimal von der französischen Akademie der Wissenschaften
preisgekrönt wurde. De Gébelin war der Gründer der Societé Apollonienne, aus der später das
Musée de Paris hervorging, dessen Präsident er wurde. 1781 wurde er außerdem zum königlichen
Zensor bestellt.
Seine okkultistischen Studien brachten de Gébelin mit den Freimaurern zusammen. Bereits 1771
war er in die Pariser Loge "Les Amis Réunis" initiiert worden, wo er auf so erlauchte Häupter,
wie Voltaire und Benjamin Franklin, der damals als amerikanischer Gesandter in Paris war,
traf. 1773 gründete er zusammen mit Gleichgesinnten den Göttlichen Orden der Philaleten,
dessen Präsident er wurde. Ziel dieses Ordens war die Wiederentdeckung alter Weisheiten.
Außerdem beschäftigte man sich mit Alchemie und Kabbala.
Tarotkarten sah Court de Gébelin zum ersten Mal während eines Nachmittagsbesuches in Paris.
Einige Damen der Gesellschaft, darunter auch ein alte schweizer Freundin de Gébelins
spielten mit diesen Karten das alte Tarotspiel, von dem de Gébelin vorher noch nie gehört
hatte. Die Karten und insbesondere die 22 Trumpfkarten (heute Große Arkana) faszinierten
ihn, denn er glaubte in ihnen eine versteckte, tiefgründige Symbolik zu erkennen. De Gébelin
begann, sich intensiv mit den Karten zu beschäftigen. Er entwarf sogar selbst Tarotkarten,
die später von Papus in seinem Buch "Der Tarot der Zigeuner" abgebildet wurden. Nach de
Gébelin's Meinung überlieferte das Tarot geheimes Wissen aus dem Alten Ägypten in symbolisch
verschlüsselter Form. Da man zu seiner Zeit in Ägypten auch das Ursprungsland der Zigeuner
sah, war für de Gébelin klar, dass es die Zigeuner waren, welche die Karten nach Europa
gebracht hatten. Das französische Wort "Tarot" leitete er aus einem von ihm angenommenen
altägyptischen Begriff "ta ro" ab, was "königlicher Weg" bedeuten sollte. Auch glaubte er,
dass die 22 Trumpfkarten symbolisch verschlüsselt die Bedeutung der 22 hebräischen Buchstaben
darstellten. Im 8. Band seiner Monde primitif veröffentlichte er seine Studien zum Tarot.
Heute weiß man, dass de Gébelins Annahmen bezüglich des Tarots nicht haltbar sind. Längst
ist erwiesen, dass Ägypten nicht das Ursprungsland der Zigeuner ist und dass diese erst
einige Zeit nach dem ersten historisch fassbaren Auftauchen des Tarots nach Europa kamen.
Die Entzifferung der Hieroglyphen durch Champollion im Jahre 1822 brachte den eindeutigen
Nachweis, dass de Gébelin sich auch mit seiner Übersetzung des Wortes Tarot irrte. Doch
seine Überzeugungen haben sich lange gehalten und tun es teilweise noch bis heute.
Insbesondere seine Annahme, dass die 22 Trümpfe, die man heute "Große Arkana" nennt,
symbolisch mit den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets zusammenhängen, wurde von vielen
seiner Nachfolger übernommen. Bis heute finden sich die hebräischen Buchstaben auf den
Großen Arkana vieler Tarots, obwohl wir inzwischen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
wissen, dass nie ein Zusammenhang bestand. Trotzdem ist die Bedeutung der hebräischen
Buchstaben ein gutes, zusätzliches Hilfsmittel zum Verständnis der heutigen Tarotsymbolik.
Sie erweitern die Deutungsmöglichkeiten für Tarotisten um das kabbalistische Element und
geben umgekehrt den Kabbalisten mit dem Tarot ein zusätzliches Werkzeug an die Hand, so
dass es längst unerheblich geworden ist, ob jemals ein ursächlicher Zusammenhang zwischen
beiden bestand.
Auch wenn Court de Gébelin sich in vielem bezüglich des Tarots irrte, so erkannte er doch
die Bedeutung und den Wert der Symbolsprache und die Möglichkeit, diese mit Hilfe des Tarots
zu nutzen. Und in der Tat ist die Sprache der Symbole letztendlich wirklich so etwas, wie
eine alle Menschen verbindende Ursprache. Symbole können mehr aussagen, als Worte allein es
vermögen. Sie können bis tief in unser Unbewusstes wirken und dort zu Erkenntnissen führen,
die wir mit dem Verstand allein nicht entdecken würden. Sie können uns von Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft erzählen und Einsichten gewähren, die uns ansonsten verschlossen
blieben. Heute gilt Court de Gébelin als der Entdecker des esoterischen oder okkulten Tarots.
Zwar gab es zu seiner Zeit und auch schon vor ihm Kartenleger - hier wäre insbesondere
Etteilla zu nennen - doch das Verdienst, die Symbolsprache der
Karten erkannt und als erster untersucht zu haben, wird heute Court de Gébelin zuerkannt.
Sein monumentales Werk "Le Monde primitif, analysé et comparé avec le monde moderne", in
dessen 8. Band das Tarot behandelt wird, war ursprünglich auf 30 Bände ausgelegt, von denen
aber leider nur neun Bände von ihm fertiggestellt wurden. Im Frühjahr 1783 erkrankte de
Gébelin. Er ließ sich von dem damals sehr populären österreichischen Arzt Franz Anton Mesmer
behandeln, der zu dieser Zeit in Paris weilte. Mesmers Behandlung war eine zeitlang so
erfolgreich, dass de Gébelin sogar seine Arbeit wieder aufnehmen konnte. Doch im Jahr darauf
erkrankte er erneut. Am 12. Mai 1784 verstarb Antoine Court de Gébelin.
Quellenangaben:
Bild: Wikipedia commons, Permission = "by age"
Stuart R. Kaplan, Der Tarot Tarot
Eckhard Graf, Die Magier des Tarot
James W. Revak, Great Tarotists of Yesteryear
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