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Deutsches Original-Tarot
A. Frank Glahn
Wer die Bilder der Karten dieses Tarots betrachtet und nicht weiß, um welches Tarot es
sich dabei handelt, mag es wohl kaum glauben, aber das sogenannte Deutsche Original-Tarot
ist ein unter Tarotsammlern sehr begehrtes Sammlerstück. Das Deck ist nur noch schwer zu
bekommen. Bestenfalls in Antiquariaten, auf Antik- und Flohmärkten oder auf Auktionen
kann man noch Glück haben.
Es lässt sich nicht mehr mit 100%iger Sicherheit sagen, wann das Deutsche Original-Tarot zum
ersten Mal erschienen ist. Je nach Quelle werden die Jahre 1920, 1923 und 1924 genannt.
Autor dieses Tarots war der deutsche Astrologe, Tarotforscher, Runenforscher und Kabbalist
A. Frank Glahn. Die Karten selbst wurden aber nicht von ihm, sondern von Hans Schubert
nach den Vorgaben von Glahn gezeichnet. Dieses Tarot war damals nicht besonders populär.
Zum letzten Mal wurde es 1958 aufgelegt. Aus dieser Auflage stammt vermutlich auch mein
Deck, aus dem ich hier Karten zeige. Von Frank Glahn gibt es außerdem das
Deutsche Tarot Buch, welches inzwischen ebenfalls selten geworden, aber immer noch öfter
zu bekommen ist, als sein Tarot, was möglicherweise daran liegt, dass das Buch mehr Auflagen
hatte, als das Tarot selbst. Die letzte Auflage kam meines Wissens 1987 (9. Auflage) heraus.
Mein eigenes Exemplar dieses Buches stammt, wie das Deck, aus dem Jahre 1958.
A. Frank Glahn (1865 - 1941) ist heute hauptsächlich als bedeutender Astrologe im Gedächtnis
geblieben. So ist z.B. die Münchner Rhythmenlehre an die Methoden Glahns angelehnt,
beziehungsweise aus diesen hervorgegangen. Über Glahns Leben ist erstaunlich wenig bekannt.
Geboren wurde er am 18.01.1865 in Linden, nahe Hannover. Sein Leben verlief anfangs in ganz
normalen bürgerlichen Bahnen, wurde aber 1916 von einem tragischen Vorfall überschattet, als
seine an Depressionen leidende Frau die gemeinsamen vier Kinder erschoss. Glahn soll sich
seelisch nie wieder ganz von diesem persönlichen Unglück erholt haben.
Seine astrologische Ausbildung begann Glahn bei der Hamburger Schule. Später entwickelte er
seine eigene Glahn-Methode. Er beschäftigte sich u.a. auch mit speziellen Themen der
Astrologie, wie der Empfängnisgeburt, Geburtszeitkorrektur und astrologischen Lebensperioden.
Glahn veröffentlichte zahlreiche Bücher und Artikel über Astrologie, Runen, Kabbala, Pendeln
und Tarot, von denen das Deutsche Tarot Buch das erste war.
Das Deutsche Original-Tarot besteht aus eher unscheinbaren, nicht beschichteten
Pappkärtchen, deren Größe kaum an die der kleinen Lenormand-Karten heranreicht. Sie sind nur
ca. 5 cm x 7,5 cm groß. Die Kartenbilder sind sehr einfach gestaltet und erinnern ein
bisschen an laienhafte, wenig ansprechende Comiczeichnungen. Es sind auch nicht alle Karten
voll bebildert. Die Zahlenkarten der Kleinen Arkana zeigen nur ihr jeweiliges Elementsymbol
in entsprechender Anzahl. Der Aufbau des Decks erinnert an die Etteilla-Tarots, beziehungsweise
an Paul Christian, ohne jedoch mit diesen identisch zu sein. Das gilt insbesondere für die
Bezeichnungen der Großen Arkana, die nicht mit den Bezeichnungen nach Paul Christian
übereinstimmen. Statt dessen
wurden teilweise die traditionellen Bezeichnungen und teilweise ganz eigene Bezeichnungen
verwendet. Die traditionelle Reihenfolge der Arkana, beginnend mit dem Narren, wurde aber
beibehalten:
0 - Narr, I - Magier, II - Hohepriesterin, III - Herrscherin, IV - Herrscher, V -
Hoherpriester, VI - Scheideweg, VII - Triumph, VIII - Gerechtigkeit, IX - Weiser,
X - Schicksalsrad, XI - Kraft, XII - Prüfung, XIII - Tod, XIV - Wiederverkörperung,
XV - Schwarzmagier, XVI - Blitz, XVII - Erlösung, XVIII - Blinde Leidenschaft,
XIX - Geistiges Leben, XX - Ewiges Leben, XXI - Alles in Allem.
Die Karten sind von 1 - 78 durchnummeriert, wobei die Großen Arkana römische und die
Kleinen Arkana arabische Ziffern tragen. Auf die letzte Große Arkana folgt mit der Nr. 23
der König der Stäbe, dann die Königin der Stäbe, Ritter der Stäbe, Bube der Stäbe, Zehn der
Stäbe u.s.w. bis zum As der Stäbe. Die übrigen Kleinen Arkana folgen dem selben Aufbau,
weisen also eine Reihenfolge von "oben nach unten" auf. Den Stäben folgen die Kelche, dann
die Schwerter und schließlich die Pentakel, mit dem As der Pentakel als 78. Karte des Decks.
Auf den Rändern aller Karten befinden sich astrologische Symbole, welche auf die
astrologische Zuordnung der jeweiligen Karte verweisen. Auch hierbei handelt es sich nicht
um die heute am weitesten verbreiteten, allgemeinen astrologischen Zuordnungen. Auf den
Karten der Großen Arkana befinden sich in der linken oberen Ecke außerdem noch die der
jeweiligen Karte zugeordneten hebräischen Buchstaben als Verweis auf die kabbalistische
Zuordnung. Zusätzlich ist die deutsche Transkribierung der hebräischen Buchstaben angegeben.
In der gegenüberliegenden rechten oberen Ecke finden wir dann die Runenzuordnungen.
Neben den verschiedenen Symbolen befinden sich auf allen Karten Deutungsstichworte an den
Kartenrändern. Die angegebenen Kartenbedeutungen unterscheiden sich teilweise erheblich von
den Grundbedeutungen der Tarotkarten nach Rider-Waite. Größtenteils handelt es sich um ganz
konkrete divinatorische Bedeutungen.
Da lesen wir z.B. auf der Karte des Königs der Stäbe "Unerwart. Ankunft eines nutzbring.
Verwandten" und als Bedeutung für die umgekehrt fallende Karte "Erwarte nichts von
Verwandten". Auf dem linken Kartenrand finden wir dann noch "Gerechtigkeit, Ehrbarkeit,
Sparsamkeit" und auf dem rechten Kartenrand "Strenge, Härte". Nehmen wir noch als ein
weiteres Beispiel die Zehn der Schwerter. Hier lesen wir für die aufrecht fallende Karte
"Vorteil, Freude", also eine Bedeutung, der traditionellen Grundbedeutung fast genau
entgegengesetzt ist. Für die umgekehrt fallende Karte finden wir dann am unteren Kartenrand
"Nachteil, Tränen, Todesfall". Auf dem rechten Kartenrand steht "Landstraße", also eine
Ortsangabe.
Alles in Allem gesehen liegt mit dem Deutschen Original-Tarot ein Tarotdeck vor, welches
offensichtlich nur zum Zwecke des Wahrsagens geschaffen worden zu sein scheint. Dazu muss
man aber bedenken, dass dieses Deck in einer anderen Zeit entstand, in der noch andere
Wertvorstellungen herrschten. Kartenlegen, auch das Kartenlegen mit dem Tarot, war damals in
der Regel ganz einfach Wahrsagen. Lediglich Geheimorden wie der Golden Dawn oder der
deutsche OTO lehrten eine tiefergehende Bedeutung des Tarot. Nichtsdestotrotz wusste auch
Frank Glahn, der angeblich dem Saturnorden Fraternitas Saturnis nahegestanden haben soll,
von tiefergehenden Deutungsinhalten der Karten, worauf auch einige Kartenbilder, wie zum
Beispiel der Tod oder die Vier der Stäbe u.a. hinweisen. Außerdem war er, laut dem Tarotlexikon
von Belinda Rodik, ein Anhänger der Theosophischen Gesellschaft von Helena Blavatski und der
Lehren von Eliphas Lévi und Papus und leitete die Entwicklung des Tarots aus den astrologischen
Mondhäusern ab. In einer Zeit, in der, nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und der Demütigung
durch die Versailler Verträge der Nationalstolz der Deutschen praktisch am Boden lag, suchte
er zudem fast schon verzweifelt nach deutschem Gedankengut in den
Tarotkarten, obwohl dies im Grunde genommen in einem Widerspruch zu den damals bekannten
Erkenntnissen über die Herkunft des Tarot stand, die Glahn mit Sicherheit bekannt waren
(man beachte, dass viele der Kartenbilder der Großen Arkana ägyptische Motive zeigen). Sein
Deutsches Original-Tarot spiegelt in gewisser Weise einen Aspekt des Zeitgeistes der
20iger Jahre des 20. Jahrhunderts wieder, eine Zeit großer, teils blutiger politischer
Auseinandersetzungen in Deutschland, die für die Angehörigen fast aller Gesellschaftsschichten
von Unsicherheit, Zukunfts- und Existenzängsten geprägt war und in der sich viele dem
Schicksal ausgeliefert fühlten.
Während des Terrorregimes der Nazis soll Glahn sich, wie einige seiner Kollegen, dem Regime
angepasst und mit den Nazis sympathisiert haben. Für die meisten stellte eine solche
Anpassung jedoch lediglich eine Überlebensstrategie dar und beruhte nicht auf Überzeugung.
Sich als Astrologe nicht mit den Nazis gut zu stellen konnte gefährlich werden. Wahrsagerei
gegen Entgelt - und dazu wurde auch die professionell betriebene Astrologie gezählt - war
verboten worden und es gab nur wenige Ausnahmen. Der Nationalsozialismus stand der Astrologie und
verwandten Disziplinen feindlich gegenüber, obwohl einige Nazigrößen, insbesondere Heinrich
Himmler und Hitler selbst vom Mystizismus und Okkultismus angezogen wurden. Beide nahmen die
Dienste von Astrologen in Anspruch. Letztendlich hat aber alle Anpassung nichts genutzt. Wie
viele andere Astrologen auch, wurde Frank Glahn schließlich im Zuge der sogenannten
"Astrologen-Razzia" im Sommer 1941 von der Gestapo verhaftet und in ein Konzentrationslager
gebracht, wo er noch im selben Jahr starb.
Weitere Kartenbilder sind in der Tarotsammlung zu sehen.
Das Deutsche Original-Tarot ist damals im Verlag Hermann Bauer KG (heute GmbH & Co. KG), Freiburg im Breisgau erschienen.
Es ist heute nicht mehr erhältlich.
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