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Der Anspruch an die
künstlerische Gestaltung war bereits für die Großen Arkana hoch gewesen
und sollte es auch bleiben, als man sich entschloss, dem ursprünglichen
Arkana-Deck auch noch die 56 Kleinen Arkana hinzuzufügen. Da sich alle
Kartenbilder an authentischen Leonardo-Kunstwerken orientieren, bzw.
diese mit einbeziehen sollten, war es schon schwer genug gewesen,
entsprechende Bilder oder Zeichnungen Leonardos für die ursprüngliche
Ausgabe aufzuspüren. Nun sollten noch 56 weitere Kartenbilder nach dem
gleichen strengen Maßstab erstellt werden. Daher dauerte es ganze zehn
Jahre, bis das komplette Deck mit 78 Karten fertig war. Erschwerend kam
hinzu, dass Ghiuselev nicht mehr zur Verfügung stand. Es musste also
ein Maler gefunden werden, der das Als das komplette Leonardo da Vinci Tarot dann auf den Markt kam, wurde es von den meisten Tarotisten und Tarotkunstliebhabern erst einmal mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Von der künstlerischen Seite her war das Deck absolut top. Aber die farbliche Gestaltung, die zwar durch Da Vincis spezielle Schattierungstechnik (s.o.) gut begründet war, wirkte auf viele zu eintönig und zu düster. Obwohl die Bezüge zu den traditionellen Kartendarstellungen nach Rider-Waite bei den meisten Karten weitgehend erkennbar waren, gab es doch auch Karten, deren Bildsymbolik nicht so einfach nachvollziehbar erschien und das übliche kleine Begleitheft bot keinen Raum, die Kartenbilder ausreichend zu erklären. Erst als neben der einfachen Ausgabe des Tarotdecks von Lo Scarabeo auch die sogenannte De-Luxe-Ausgabe (erschienen bei IRIS Bücher & mehr) verfügbar war, änderte sich das. Die De-Luxe-Ausgabe ist ein Tarot-Set und unterscheidet sich von der einfachen Ausgabe des Decks hauptsächlich dadurch, dass ihr, statt des üblichen kleinen Heftchens, ein dünnes Begleitbuch beiliegt, welches das Deck ausführlicher erklärt.
Nehmen wir als ein Beispiel
gleich die erste Karte, den Narren. Ohne das Buch wird sich wohl so
mancher gefragt haben, was dieses Kartenbild mit dem Tarot-Narren zu
tun hat. Eine Art überdimensionale Fledermaus fliegt über eine
Landschaft, in der sich eine Burganlage befindet. Oben rechts im
Kartenbild sieht man kleine, seltsame Schriftzeichen, welche
augenscheinlich von einem fast modern anmutenden Zeichengerät
geschrieben wurden. Durch das Buch erfährt man nun, dass es sich bei
der Mega-Fledermaus um Leonardo's Flugmaschine handelt, die sich über
der Burg als Sinnbild damaliger konventioneller Weisheit und Regeln
erhebt. Wenn man genau hinschaut, entdeckt man in der Gondel der
Flugmaschine ein Gesicht. Es ist Leonardo selbst. Und bei den seltsamen
Schriftzeichen handelt es sich um den Kartentitel, jedoch in der von
Leonardo stets verwendeten Spiegelschrift. Diese spiegelschriftlichen
Kartentitel finden sich auf allen 22 Großen Arkana. Außerdem ist auf
jeder Karte ein kleines Als ein weiteres Beispiel soll noch die Karte der Gerechtigkeit erwähnt werden. Vorlage für dieses Kartenbild ist eine der beiden Leonardo zugeschriebenen Verkündigungen Mariens. In diesem Fall handelt es sich um die Verkündigung, deren Original sich in den Uffizien in Florenz befindet. Der - für diese Karte unübliche - Spiegel und das Schwert wurden hinzugefügt. Interessanterweise spiegelt sich in dem Handspiegel Leonardo selbst, bzw. sein Selbstporträt. Als Deutungssymbol ist oben rechts eine Waage zu sehen, die aus einem gleichseitigen Dreieck und zwei Waagschalen besteht. Wir haben es hier mit einer Justitia zu tun, die eindeutig - auch - zur Selbsterkenntnis anregt. Im Begleitbuch ist darüber zu lesen: "Wenn es gilt, Gerechtigkeit walten zu lassen, überlassen wir es gerne anderen, sich dem Zorn auszusetzen, den das Richtschwert bei den Betroffenen auslöst. Mitleid kommt auf, wenn wir uns selbst in den Taten und Leiden der Angeklagten spiegeln, unsere eigenen Grenzüberschreitungen - oder zumindest Grenzüberschreitungen, die wir nachvollziehen können - rufen unser Mitgefühl hervor. Wir urteilen über uns selbst immer milder, als über andere."
Leonardo da Vinci (1452 - 1519) stand seit mindestens 1487, sehr wahrscheinlich aber schon ab 1482 in Diensten des Mailänder Fürsten und späteren Herzogs Ludovico Sforza. Ludovico, genannt Il Moro (der Dunkle), übernahm 1476 für seinen noch minderjährigen Neffen Gian Galeazzo Sforza die Regentschaft, erwies sich allerdings als Usurpator und riss später den Herzogsthron an sich. Gian Galeazzo Sforza war der Enkel von Bianca Maria Visconti und Francesco I. Sforza, der nach Biancas Vater Filippo Maria Visconti, dem letzten Visconti-Herzog, 1450 selbst Herzog von Mailand wurde. Filippo Visconti und Francesco Sforza waren eben jene Herzöge, die die berühmten Visconti-Sforza Tarotkarten in Auftrag gaben. Die Vorstellung, dass Leonardo da Vinci am Hofe von Mailand auch Tarotkarten, möglicherweise sogar das Visconti-Sforza Tarot selbst gesehen hat, entbehrt daher nicht jeder Realität.
Zur Bedeutung der Visconti-Sforza-Familie in der Geschichte des Tarots siehe auch in der Tarotgeschichte, Teil 3. Das Leonardo da Vinci Tarot (einfache Ausgabe ohne Buch) bekommt man direkt beim Verlag Königsfurt-Urania. Außerdem sind sowohl die einfache Ausgabe, als auch das Set mit Buch im Esoterik-Fachhandel oder in Esoterik-Abteilungen im Buchhandel erhältlich. Weitere Kartenbilder sind in der Tarotsammlung zu sehen. |